Rio Grande do Sul ….. Gauchos, Soja und Missões

Und wieder eine Reise……………man meint, wir wollten jetzt einen Endspurt einlegen! Irgendwie ist es ja auch so, wer weiß, wie lange wir noch so fit sind, um in 6 Tagen 2450 Kilometer runter zu reißen???

Der Entschluss fiel kurz und schmerzlos, als man hier in der Nähe wieder begann, die Karnevalsbühne am Strand zu montieren! Das war letztes Jahr schon eine Zumutung, laute und leider GRÄSSLICHE Musik, anstatt einen schönen Karnevalssamba zu bieten wie in Rio  quälen sie uns hier mit Sertanejo, was in etwa Hansi Hinterseher gleich kommt…oder wie dieser Vogel heißt! Und mit schlechter Akustik…..

Also: am 4.3.2011 morgens, nach Einweisung unseres netten Zeladors Fabio in die Kunst des Blumengiessens,  in aller Ruhe <Abflug> Richtung Florianopolis und dort auf die SC 282 in Richtung Interior, genauer Ijuí in Rio Grande do Sul! Bis zum Abzweig nach Urubicí kenne ich die Strecke schon, von der Fahrt zur Serra do Rio do Rastro. Alles ist grün und die Mimosen und die Manacá da Serra blühen wie wild, eine weiß, eine lila, und überall Pampasgraswedel, Baumfarne und verblühte Hortensienbüsche!

Die Städte, die wir passieren, sehen alle gleich langweilig aus, Kirche in der Mitte, quadratisches Strassensystem, alles neu und in die Landschaft wuchernd! In Lajes auf die BR 116 und um die Mittagszeit kurzentschlossener Schwenker nach rechts zu einem Restaurant an der Tankstelle, weil dort verdächtig viele LKWs stehen, was immer ein gutes Zeichen ist! So auch hier, Buffet Livre für 11 Reais, also <all you can eat> für unter 5 Euro!

Weiter Richtung Vacaria. Riesige Fazendas, fast europäische Landschaft, herrliches Wetter! Dann die Grenze nach RIO GRANDE DO SUL, die Straßen werden besser und die Maut teurer, 6 (!) statt 1,20 Reais! Apfelplantagen, und dann immer mehr Wechsel zu der in RS vorherrschenden Vegetation: SOJA! Erst noch neugierig betrachtet, später mit Entsetzen, ein ganzer Staat im Griff dieses Zeugs, sicher auch genmanipuliert (und da machen die bei uns Theater!)!  Viel Wasser und riesige Aluminiumsilos, in der Sonne blitzend.

In Vacaria auf die RS 285, und Soja, Soja, Soja. Jetzt weiß ich, was Monokultur heißt. Wie das Zuckerrohr im Nordosten! Und Cropduster! Es stinkt auch gewaltig nach Chemie! Brasilianer nehmen alles hin!

Lagoa Vermelha, Passo Fundo, Ijuí…im Quatro Rodas finde ich nur ein passables Hotel, das Hotel und Spa FONTE IJUI, etwas außerhalb in einem Park mit alten Bäumen gelegen! In agressivem Rot gestrichen ist doch nicht zu übersehen, dass der Lack gewaltig ab ist!

Innen vorherrschende Farbe ist schwimmbadgrün, welch krankes Hirn hat das verbrochen? Das Restaurant hat den Charme einer Sporthalle, keine Tischdecke, Gammel. Aber das Essen ist ok. Nachts: TOTENSTILLE! Und keine Mücken! Frühstück in der kalten Pracht u.a. mit einem höchst interessanten Rote Beete Kuchen, der zwar aussieht, als wäre jemand drüber verblutet aber gut schmeckt! Und dann los!

Fahrt durch die Stadt, scheint ein Multikultidorf zu sein, es wimmelt von deutschen, polnischen/ukrainischen und italienischen Namen! Weiter nach Luiz Gonzaga, ein paar ältere aber verfallende Häuser, sonst alles nagelneu, aber wie der Führer schon schreibt, die eigentliche Attraktion ist São Miguel das Missões und so kehren wir um und steuern es an!

Von der Hauptstraße geht eine kleine Asphaltstrasse ab und ein großes Tor zeigt das Weltkulturerbe an. Leider fällt schon einiges von den Fresken runter, scheint aber niemand zu stören, auch die Touristeninfo ist unbesetzt und gammlig und verlassen.

Weiter bis zu den Ruinen, Parkplatz im Schatten der Bäume, es ist ganz schön heiß! Und dann die Ernüchterung, das Gelände wird über Mittag geschlossen! Deus me livre! Also gehen wir nur kurz durch das Museum mit wunderschönen geschnitzten Holzfiguren. Bei einigen sieht man, dass die Köpfe extra aufgesetzt wurden, die bösen Heidenindianer durften zwar die Körper schnitzen, aber die Gesichter der Heiligen wurden exklusiv von den Kuttenträgern gestaltet, da durfte keine ungetaufte Seele dran!! Ave Maria!

Aussen unter den Arkaden des Museums sitzen die jämmerlichen Nachfahren der stolzen Guaraní und mir blutet das Herz, wenn ich sehe, was aus ihnen geworden ist. Sie verkaufen dort Selbstgebasteltes, wie <gnädig>, dass man es ihnen gestattet! Sie sitzen ja auch in Balneário auf dem Bürgersteig am Atlantico Shopping, ein deprimierender Anblick, zumindest finde ICH das! Zu allem Überfluss habe ich mal einen Blick auf ihre Siedlung M’Biguaçú an der Autobahn nach Florianopolis geworfen. Ich war entsetzt, ein paar Nissenhütten und eine Armut…traurig!

Nach der Mittagspause zurück zur Anlage und in die Ruinen.  Kurzer Abriss der deprimierenden Geschichte:

Anfang des 17.Jh. war das heutige Rio Grande do Sul von indianischen Stämmen bevölkert. Im Jahre 1680 gründeten spanische Jesuiten in der Grenzregion zu Argentinien die „Sete Povos das Missões“: sieben Siedlungen, um die indianischen und die dem Katechismus zugewandten Guaranis zu beherbergen.

Die Indios erhielten eine sorgfältige Erziehung: Zeichnen, Malerei, Bildhauerei, Musik, Gesang, Tanz und Theater. Die räumliche Aufteilung der Siedlung bestand anfangs lediglich aus einem Platz, wobei die Kirche das Hauptgebäude darstellte. Weitere Bauten befanden sich in der Nähe: die Missionarsunterkunft, die Schule, die Werkstätten, der Friedhof sowie das Witwen- und Waisenheim. Das Kommando über die Siedlung wurde dem Rat der Caciques  (= Häuptlinge) erteilt.

Als die portugiesische und spanische Krone ein Übereinkommen unterzeichneten, in welchem die Missionen portugiesischem Territorium zugesprochen wurden, erhoben sich die Indios dagegen und kämpften so lange, bis sie schließlich in einem blutigem Massaker niedergeschlagen wurden.

Vom Traum der Jesuiten blieben lediglich Ruinen übrig. Das beeindruckendste Monument dieses Zeitalters sind die Ruinen in São Miguel das Missões, die von der UNESCO zum Humanitären Welterbe ernannt wurden.

 

Eine traurige Geschichte, und das vermitteln auch die Überreste der Mission.

Wir laufen in glühender Hitze durch die „Steine“, im Museum gibt es einen Plan, so kann man nachvollziehen, wo was war! Die Kirche ist am besten erhalten, vom Rest existieren höchstens die Grundmauern. Man muss unwillkürlich an die Geschichte dieses Gemäuers denken und ein Gefühl für die Tragik und die Schrecken dieses Ortes kommt auf…

In mitten dieser Erinnerungen an eine grauenhafte Vergangenheit finden wir hübsche Überraschungen: einen Avocadobaum voll mit Früchten, einen Goiába – Baum mit den besten Goiábas meines Lebens, und diese merkwürdige kleine Frucht, noch nie gesehen und nirgendwo ein Hinweis, was es sein könnte:

Sie ist reif wenn gelb, essbar und schmeckt süßlich, einer der Angestellten nennt sie „maracujá do mato“. WAS ist es also?

Wir pflücken noch ein paar Avocados von dem übervollen Baum und fahren dann weiter, nach einem kurzen Blick in den Souvenirladen, der gräßlichen Kitsch birgt und keine Ansichtskarten hat…heisst das, Brasilianer schreiben nicht?

Unser nächstes Ziel heisst „Vale dos Vinhedos“ (Tal der Weingüter) und dazu müssen wir noch ein Weilchen fahren, bis Bento Goncalves! Aber das ist eine andere Geschichte!!!

UND EIN NACHTRAG!

Ich weiss jetzt auch, was das für Früchte sind, die wir an dem Baum an den Missões fanden! Ich hätte da noch lange rätseln können, aber dieser Esel von einem Angestellten sagte zwar <maracujá do mato>, es sind aber

MAMÃO DO MATO,

also eine Papayasorte!

Carica quercifolia! Jacaratiá! Mamão do mato!

Endlich kann ich ruhig schlafen!

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1 Response to “Rio Grande do Sul ….. Gauchos, Soja und Missões”


  1. 1 Christine 31. August 2011 um 5:15 pm

    Eeeeendlich wieder was Schoenes, Interessantes zum Lesen! Ich liebe Ihre Berichte und freue mich schon auf die Fortsetzung.

    Liebe Gruesse aus -immer noch – Portugal
    Christine


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