Wahlen in Brasilien – Lula ade!

Auch nach vielen Jahren in Brasilien gelingt es den Brasilianern immer noch, mich zu überraschen, und wenn es mit ihrer Art ist, einen Wahlkampf zu führen. Am 3. Oktober 2010 sind ca. 135 Millionen Wahlberechtigte aufgerufen, sich für ihre Kandidaten zu entscheiden.  Kandidaten aus immerhin 20 Parteien und Koalitionen, die derzeit in Brasilia vertreten sind. Drei Hauptkandidaten gibt es für die Nachfolge von Präsident Lula, Luiz Inácio da Silva, nämlich seine „politische Ziehtochter“ Dilma Rousseff (PT), José Serra (PSDB) und Marina da Silva (PV):

Im heutigen „O Estado de Sao Paulo“ steht unter diesem Foto, dass die Wahlkampagnen lauwarm, unpolitisch, ohne Programm und ohne Emotionen waren, und dass die Wahlen in einem Land stattfinden, das fortschreitet und sich modernisiert, aber ungerecht und ungleich bleibt und in dem es 64 Millionen Analphabeten oder Menschen ohne große Schulbildung  gibt – etwas mehr als die Hälfte der Wähler!

Wie immer gibt es einige exotische Besonderheit in unserem geliebten „pais tropical“:  Jeder Kandidat hat die Möglichkeit, neben einer festgelegten Nummer auch einen „apelido“ zu wählen, einen Namen, den er im Wahlkampf benutzen darf. Dabei hat er anscheinend freie Hand, denn – ich höre und staune – inzwischen gibt es Lulinha, JK (nach Juscelino Kubitschek), Madonna, Elvis und Kojak, Nelson Mandela, John F. Kennedy, Zico, Kaká, Zidane, Maradona (of all things…) und diverse Pelés. Man ist aber auch erfinderisch in Bezug auf die Werbung, ein paar Schlaue nutzen inzwischen auch unseren Ausblick auf’s Meer, je nach Finanzen mehr oder weniger kostspielig, entweder so:

Oder auch so:

Am interessantesten finde ich allerdings die Bewerber Ananias Rodrigues da Silva (PTB) und Rosemar Luis da Rosa Lopes (PSC), oder Claudio Henrique dos Anjos, die den „genialen“ Einfall hatten, sich Obama Brasil und Rosemar Barack Obama zu nennen. Also da fällt mir schon der Unterkiefer runter!  „Claudio Henrique dos Anjos Obama“ ist aus Belford Roxo, einer ziemlich heruntergekommenen Stadt im Umkreis von Rio, und möchte der erste schwarze Bürgermeister der Stadt werden. Wenn er gewinnt, sagt er, möchte er Obama gerne nach Belford Roxo einladen! Ich wünsche ihm, dass es wahr wird!

Heute, am 3. Oktober 2010, ist es endlich soweit, nach einem zermürbendem Wahlkampf. Zermürbend für den Wähler, der ständig mit extremer Dezibelzahl beschallt wurde. Aus dem Radio, aus dem Fernsehen und aus Autos, von Fahrrädern und Motorrädern auf der Straße! Ich befürchte, dass Dilma nicht im ersten Anlauf gewählt wird, dann geht der Terror noch vier Wochen lang weiter! Deus me livre!

Hauptsächlich in Schulen sind die Wahllokale untergebracht, und wir machen uns auf, um dieses Ereignis wenigstens von außen zu beobachten, wenn wir schon selbst nicht an die Urne dürfen. Wie üblich gibt es lange Schlangen, aber Brasilianer sind geduldig. Und wie schon erwähnt ist es klug, nicht zu Hause zu bleiben, täglich erfahre ich mehr Dinge, die einem Nichtwähler als Konsequenz drohen:

-Man bekommt keinen Paß für Auslandsreisen.
-Man bekommt kein Abschlusszeugnis
-Man kann die Kinder nicht zur kostenlosen ärztlichen Untersuchung bringen.
-Es gibt keine „bolsa familia“, also die „Stütze“ für die Ärmsten der Armen.
-Man kann kein öffentliches Amt bekleiden.
-Lehrer dürfen nicht mehr unterrichten.
-Es gibt keine Kredite für Nichtwähler…..

Das sind schon Repressalien, die einem den Gang zur Urne leicht machen!

Gewählt wird mit Wahlmaschinen, in die man die Nummern der entsprechenden Kandidaten eingibt – in einigen Staaten gibt es sogar schon Maschinen, die einen digitalen Fingerabdruck als ID erlauben. Die einzige Möglichkeit, sich vor der Wahl eines Kandidaten zu drücken ist, statt seiner Nummer Nullen einzugeben! Und eine weitere Besonderheit: ab 70 Jahre muss man gar nicht mehr wählen gehen!

Die Wahlmaschine, die ich auch für Deutschland gut fände,  bedeutet, dass die Ergebnisse schnell vorliegen, jetzt, um 21.00 h, sind z.T. schon 90 % der Stimmen ausgezählt und wir hören schon die ersten hupenden Autos, die den Wahlsieg des Gouverneurs für Santa Catarina –  Raimundo Colombo –  feiern.

Jeder Wähler hatte heute 6 Stimmen zu vergeben,

1. Deputado Estadual
2. Deputado Federal
3.+4.  Senadores
5. Governador
6. Presidente

Weil das relativ unübersichtlich und schwer zu merken ist verteilen die Kandidaten kleine Karten, die „colas“, auf denen der Wähler einen Wahlvorschlag findet, den er mit in die Wahlkabine nehmen kann um ihn dort einzugeben! Als wir heute in der Rua Paraguay mal kiebitzen waren, sah die Strasse dementsprechend aus: übersät mit Papierschnipseln und Müll.

Ausnahmsweise kann man heute auch ohne die obligatorischen ZWEI Dokumente wählen, nämlich erstens eine Carteira mit Foto und zweitens die Wahlberechtigung, es reicht ein Ausweis mit Foto! Vor dem Wahllokal Buden mit „Churros“, Getränken und Popcorn für die Wartenden! Und von wegen keine Kandidatenwerbung am Wahllokal, diese Gepflogenheiten gibt es hier nicht, direkt auf dem Nachbargrundstück standen große Tafeln mit den Gesichtern der Hauptakteure.

In den Staaten DF (Distrito Federal), MG (Minas Gerais), ES (Espirito Santo), SE (Sergipe), PE (Pernambuco), RN (Rio Grande do Norte), MS (Mato Grosso do Sul), AC (Acre) und RR (Roraima) gibt es eine zusätzliche Besonderheit, am Wahltag darf kein Alkohol ausgeschenkt werden. Solche Verbote spornen die Brasilianer aber, wie wir noch aus Minas Gerais wissen, zu Höchstleistungen im Zuwiderhandeln an!

Die ursprünglich geplante Verabschiedung des Gesetzes für die „ficha limpa“ VOR der Wahl, das die reine Weste der Kandidaten zur Voraussetzung für eine Kandidatur machen sollte, ist übrigens diskret von der Justiz vertagt worden. Und so werden wieder eine Menge „crooks“ ihren Weg an die Fleischtöpfe Brasiliens finden, um ihren Reichtum wunderbar zu vermehren.

Das macht mich schon ein bisschen traurig….aber wir hatten ja auch in unserem Erste-Welt-Land Deutschland einen ehrenwerten Kanzler, der seine dubiosen Geldquellen bis heute nicht verraten hat!

NON OLET!!!!

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