Bin ich Brasilianerin?

Nein, bin ich natürlich nicht, aber die nette junge Dame, die sich über unseren Porteiro anmelden lässt und in meiner Wohnung mit ihrem PDA erscheint, erzählt mir, dass ich auf jeden Fall mitgezählt werde, beim Zensus 2010, weil ich in Brasilien wohne!

Seit 1. August sind hier die Volkszähler unterwegs, ein Mammutprojekt, denn es gilt, um die 194 Millionen Brasilianer auf einer Fläche von 8,5 Millionen Quadratkilometern zu zählen. Dagegen heben sich unsere deutschen ca. 82 Millionen Einwohner auf der lächerlichen Fläche von 352 000 Quadratkilometern als ebenso lächerlich wenig ab! Hiesige 58 Millionen Haushalte werden von ca. 240 000 Helfern erfasst, ein gigantisches Vorhaben, das ich mir in Santa Catarina noch vorstellen kann, aber im dünn besiedelten und unzugänglichen Interior im Nordosten? Im Monat August hat man es aber laut offiziellen Angaben geschafft, schon 48 % der Bevölkerung zu erfassen.

Neugierig geworden lese ich nach ihrem Abgang im Internet, dass ich nach Internetbenutzung, Handy und gleichgeschlechtlichen Partnerschaften gefragt werden soll, aber davon erzählt sie mir nichts. Ich bin beleidigt. Sehe ich so aus, als ob ich mit diesen drei …na ja zwei….Kriterien nichts zu tun habe?

Die junge Frau, geschickt vom IBGE, dem „Instituto Brasileiro de Geografia e Estatistica“, fragt mich zuerst nach Namen, Geburtsdatum, Alter, Job, Mitgliedern meines Haushaltes und Verdienst und lässt mich zum Schluss auf den PDA unterschreiben…..Ist das ok? Wenn das der deutsche Datenschutzbeauftragte wüsste……gibt’s hier so was? Nie gehört, wahrscheinlich nicht! Die Brasilianer sind mit ihren persönlichen Daten nicht knauserig! Warum fragte sie mich übrigens, wie viele Badezimmer wir besitzen? Ich konsultiere wieder das Internet und stelle fest, dass sie an den entsprechenden Orten auch noch nach „Spezialitäten“ fragt: nach Toilette oder Plumpsklo und wohin die Fäkalien geleitet werden, in die Kanalisation, die Sickergrube oder in den Fluss oder das Meer? Nach der Verfügbarkeit von Wasser forscht sie ebenfalls, bekommen wir das Wasser über die Leitung oder aus dem Brunnen, der Zisterne, vom Tankwagen oder aus einem Fluss oder See? All diese Fragen fallen bei uns Hochhausbewohnern offensichtlich flach, auch, ob wir den Müll über die Müllabfuhr oder einen Müllcontainer entsorgen, oder – ich fasse es nicht – ob wir ihn verbrennen, vergraben, in die Landschaft oder in den Fluss werfen. Und zum Schluss beinhaltet der Fragebogen noch die von dem Mädel bei mir dezent unterlassene Frage nach der Zugehörigkeit zu einer „cor ou raça“, und zwar unterteilt in: weiss, schwarz, gelb, „pardo“ … was ist das, braun? Und „indigena“. Also Indios! Und die werden noch mal aufgeteilt in über 10 Jahre und unter zehn Jahre!

Das sind ja alles hochinteressante Betrachtungsweisen, die durch diese Fragen ans Licht kommen, z.B.: Indianer sind entweder über oder unter zehn Jahren alt, wissen die ihr Alter nicht, oder hält man es für sinnlos, sie danach zu fragen? Auch das Farbspektrum ist aufschlussreich, ab wann ist man denn braun, also pardo? Wer entscheidet denn das? Und wer ist eigentlich gelb? Lieber Himmel, wenn das in Deutschland wäre, hätten schon ganze Heerscharen von Kritikern und Nörglern den Zensus zu Fall gebracht. Aber…..wir sind in Brasilien!

Teilnehmen ist übrigens Pflicht. Die Verweigerung kostet angeblich zehn Mindestlöhne, und der salario minimo ist immerhin bei ca. 510 Reais, also ungefähr 230 Euro, da wird die Ablehnung schon zum Luxus!

Advertisements

0 Responses to “Bin ich Brasilianerin?”



  1. Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s





%d Bloggern gefällt das: