„Festa Pomerana“ 2010

d-56388075.html Pomerode im SPIEGEL

“Klein-Deutschland“ glaubte ich schon abgehakt zu haben, aber nach einem Januar-Wochenende muss ich noch mal nachkarten! Das haben wir nämlich in Pomerode / Santa Catarina verbracht, 90 km von hier im Landesinneren, um uns das <Pommernfest>, die FESTA POMERANA, anzuschauen, von dem wir schon viel gehört hatten!

Pomerode, „a cidade mais alemã do Brasil“, die deutscheste Stadt in Brasilien, hat heute 25 000 Einwohner und wurde 1861 am Rio do Testo von deutschen Einwanderern aus Pommern gegründet. Empfangen wird man am Stadteingang von einer Nachbildung des Stettiner Stadttores, dem Portico Wolfgang Weege, und die zu Wohlstand gekommene Familie des Carl Weege aus Rügenwalde, der die große Textilfabrik MALWEE gehört, hat das Elternhaus am entgegengesetzten Stadtrand als „Casa do Imigrante“ und Museum der Stadt vermacht .

Aber erst einmal muss ich ein Wort zu unserem Übernachtungsort verlieren, der Pousada Mundo Antigowww.mundoantigo.com.br ,durch Zufall und den Aufenthalt eines Freundes aus Deutschland entdeckt, bin ich inzwischen mehrmals dort gewesen und muss sie einfach mal vorstellen!

Kurz vor Pomerode, von Blumenau kommend, biegt man an einem großen Hinweisschild links ab auf die Erdstrasse Ribeirão Herdt, und nach ca. 3 km erreicht man die Einfahrt zur Pousada.

Sie gehört Adolar und Rosi Fischer, beide in den Vierzigern, zwei Kinder, alle vier sprechen Deutsch, auch untereinander, ebenso wie die Eltern und die Angestellten und Freunde. Manchmal muss ich mich kneifen und erinnern, dass ich in Südamerika bin. Selbstverständlich war keiner von ihnen je in Deutschland! Noch nicht!

Wenn man schon von Anfang an den Eindruck hat, in Deutschland zu sein, so täuscht das nicht! Es gibt deutsche Küche, Streusselkuchen und Käsekuchen, und brasilianisch aussehen tun die beiden auch nicht. Witzigerweise hat Adolar sogar einen deutschen Akzent, wenn er portugiesisch spricht!

Die Pousada umfasst gewaltige 750 000 Quadratmeter, das ist für deutsche Verhältnisse natürlich unvorstellbar groß! Auf diesem wunderschön an einem Hügel gelegenen Gelände hat die Familie Fischer ein ebenso hübsches einfaches Landhotel angesiedelt, mit einem großen Restaurantgebäude

und Rezeption und lauter kleinen Fachwerkhäuschen im Grünen, in die man sich einmieten kann.  All das ist liebevoll hergerichtet, im Fachwerkstil, mit alten Möbeln und karierten Vorhängen und so, wie man sich hier eben Deutschland vorstellt.

Oberhalb des Hotelgeländes liegt dann dieses „Hobby“ des Besitzers, eine perfekt gestaltete Replik von Brasiliendeutschland anno dazumal. Er hat in mühevoller Arbeit das Haus seiner Großeltern dorthin transportiert und wieder aufgebaut, dazu ein altes Waschhaus gebaut, an dem Bach gelegen, der durch das Grundstück fließt, einen Erdofen, eine Schmiede, eine Sägerei, eine Zuckerrohrpresse mit Joch für den Ochsen,

einen Schweinestall, eine Remise mit Kutsche und Ochsenkarren, einen Hühnerhof mit Hühnern, einen großen Pferdestall, alles wiederaufgebaut und erhalten, alles ist so wirklich wie vor mehr als hundert Jahren und kein Wunder, dass dort ganze Heerscharen brasilianischer Schüler anschaulich erfahren können, wie ihre Vorfahren einst gelebt haben.

Es ist ein unerwartetes Kleinod, eine Reise in die Vergangenheit, die einen mehr berührt als die ganzen Bemühungen der Tourismusbranche von Santa Catarina, die deutsche Kultur in Brasilien am Leben zu erhalten!

Adolar, meinen Respekt! Dein Name ist unbezahlbar und Du bist so ziemlich das Fleißigste, was mir in meinem Leben über die Füße gelaufen ist!

Zurück zur Festa Pomerana

Es ist bei weitem lohnenswerter und hübscher als das große Oktoberfest in Blumenau, es findet auf dem Festgelände am Stadtrand statt, Eintritt 12 Reais (knapp 5 Euro), wer in der Tracht kommt bezahlt nichts! Die Leute aus den großen Metropolen strömen nach Blumenau und Pomerode, sie lieben diese Folklore, und egal wie man als Deutscher darüber denken mag – es berührt einen doch zu sehen, mit welcher Ernsthaftigkeit, welcher Freude und mit welchem Stolz sie das deutsche Erbe zu bewahren versuchen.

Auch die Küche ist deutsch: es gibt deutsche Kuchenbuffets, auch wenn die Streussel aus Maniokmehl sind, und deutsche Spezialitäten im Festzelt, „Hackerpetter“, Leberkaese grelhado, Kassler, Eisbein, Ente und Spätzle, nicht zu vergessen „Zilse“.  Es dauerte schon ein bisschen, bis mir klar war, was damit gemeint ist: Sülze!

Jeden Tag gibt es einen Umzug von der Stadt zum Festplatz, Heimatvereine, Trachtenkapellen, Volkstanzgruppen, Schützenvereine, Leute mit Kutschen oder Oldtimern und skurrile „Einzelkämpfer“ nehmen daran teil.

Es gibt Vogelstechen, Scheibenschiessen, Kegeln, einen Küchenmarsch der Gastronomen und einen Fackelzug.  Im Festzelt spielen viele extra angereiste und angeheuerte deutsche Kapellen auf, man legt Wert auf Authentizität. Selbst die einheimischen Gruppen heißen Blechdatschi, Hausmusikanten, Deutsche Krone, Alpenbach  oder Edelweiss. Und wo sieht man in Deutschland noch eine Teufelsgeige?

Ich habe sie gesehen und gehört, in der deutschesten Stadt im Süden Brasiliens!

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