Absonderliches und Besonderes!

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Wenn ich an 1974 denke, unser erstes Brasilienjahr in Ouro Preto / Minas Gerais, siehe( http://de.wikipedia.org/wiki/Ouro_Preto ), so könnte man meinen, wir wären in einem anderen Land gewesen. Es ist unglaublich, wie Brasilien sich seit dieser Zeit verändert hat. Wir haben ja noch voll die Militärdiktatur mitbekommen, Präsident war ab 1974 nach Medici der General Ernesto Geisel, der Gaucho. Heute stehen mir die Haare zu Berge, wenn ich lese, was in der Zeit alles passiert ist, von dem wir Gringos NICHTS mitbekommen haben, Verhaftungen und Folter von Regimegegnern, die meisten tollen Sänger und Musiker gingen ins Exil, Caetano Veloso und Gilberto Gil nach London, Chico Buarque nach Italien. Aber ihre Musik war überall, in den Bars und Restaurants und wo immer sich ein paar Musiker trafen. Ich erinnere mich an Abende in Wilsons „Churrascaria Marilia“, wo nicht nur auf Gitarren – und auf Stühlen statt Trommeln – sondern auch mit Löffeln Musik gemacht wurde und wo Dona Nice, Wilsons Frau, Lieder sang, während Wilson vor Rührung heimlich weinte, vor allem bei meinem Lieblingslied, was mich für immer und ewig an dieses Jahr erinnern wird, „Carinhoso“ von Pixinguinha:

http://www.youtube.com/watch?v=8IhqXDQkWpQ , hier mit Marisa Monte und Paulinho da Viola.

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Wir hatten ein wundervolles Jahr, Ouro Preto war am Ende der Welt, noch führte keine Asphaltstrasse dorthin, von Belo Horizonte aus jagte der Bus unter heftigem Bekreuzigen des Schaffners durch die Berge und über die Lateritpiste, wir mussten Gespräche nach Deutschland anmelden und stundenlang darauf warten, es gab nur brasilianisches Essen, nichts Deutsches, wir hatten kein eigenes Auto, die Möbel in dem gemieteten Haus waren uralt und aus dem Sofa guckte eine Sprungfeder, über unseren Betten wohnte in der Zwischendecke ein lärmendes Opossum – aber… we had the time of our life, mit all den netten Landsleuten, mit denen wir in einer Art WG zusammenlebten. Ich habe eine Woche lang geheult, als wir wieder zurück nach Deutschland mussten, und unsere brasilianischen Freunde ebenfalls. Aber das Brasilienvirus blieb. Heute ist Ouro Preto total auf Touristen eingestellt, es gibt überall alles, und über den Computer ist man auf Knopfdruck mit Deutschland verbunden. Aber so wie unser erstes Auslandsjahr kann es niemals wieder sein!

Zurück zu unserem HEUTIGEN täglichen Leben!

Das Leben kann hier sehr schön sein, es gibt allerdings eine Voraussetzung: Geld sollte schon vorhanden sein! Muss ja nicht gleich übertrieben viel sein:

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Und so bin ich mir durchaus bewusst, wie gut es uns hier geht. Ich verschließe aber auch nicht die Augen vor dem Leben, das Leute OHNE diesen Luxus führen. Der Mindestlohn liegt bei monatlich 465 Reais (ca. 174 Euro), ich weiss nicht, wie man davon leben kann?

Man serviert uns das Elend, das aus der Armut kommt,  tagtäglich auf brutale Weise  im Fernsehen, haarklein und ohne Rücksicht auf Datenschutz und Intimsphäre, schonungslos halten die Reporter drauf, sie nennen Namen und Anschrift der Verbrecher oder der Opfer, filmen sie mit ihren Handschellen oder drehen die Aktionen des Militärs oder der Polizisten, die mit schussfesten Westen und Panzerwagen in die Favelas (Slums) fahren und „aufräumen“! Natürlich gibt es in Brasilien eine gewaltige kriminelle Szene, Waffen sind anscheinend leicht zu haben, ein Leben gilt nichts und jeden Tag können wir im Fernsehen die abscheulichsten Dinge hautnah miterleben, Mord, Totschlag, Entführungen, Raub und – vor allem: Drogen und Drogenhandel! Das ist das eigentliche Problem, vor allem in den großen Städten, wo täglich ich weiß nicht wie viele Menschen erschossen werden, die Überfälle sind wahrscheinlich nicht zu zählen, sicher werden sie manchmal auch gar nicht gemeldet, weil sie sowieso nicht aufgeklärt werden (in Rio werden 95 % NICHT aufgeklärt!). Aber man darf nicht vergessen, WO die Morde usw. meistens stattfinden, Opfer sind meist die Ärmsten der Armen oder die Gangster selbst, Rio hat um die 1000 (in Worten TAUSEND) Favelas, und jeder Tourist, der vom Flughafen an die berühmte Copacabana fährt, fährt auf einer Autobahn mitten durch einen der schlimmsten! Dort herrscht das Faustrecht, und wenn man arm ist, nichts zu verlieren hat und ohne Hoffnung aufwächst, da bleibt meistens nur die Wahl, bleibe ich arm oder verdiene ich mein Geld illegal?

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Und solange auf den Morros, den Bergen, auf denen die Elendsviertel liegen, die Drogenbosse das Sagen haben und die Bewohner meist völlig ungebildet sind, solange wird sich auch nichts ändern.

Wer zieht denn in die Favelas? Es sind die Leute, die z.B. aus den ärmsten Gegenden des Nordostens kommen. Bevor sie dort verhungern gehen sie eben mit ihren vielen Kindern in die Großstadt, wo sie glauben eine Chance zu haben. Meistens haben sie keine! Und die Kinder wachsen in diesem Chaos auf, kennen zum Teil nichts anderes als dieses gewaltbereite Umfeld, ist es ein Wunder, dass sie sich anpassen? Und wenn sie dann vom Morro runter an die Copacabana gehen, kann man ihnen verübeln, dass sie auch etwas vom Kuchen abhaben wollen, wenn sie dort den Luxus sehen? Bildung ist das Zauberwort. Solange man nichts für die Jugend tut, wird sich nichts ändern. Und solange die Lehrer einen Hungerlohn und eine schlechte Ausbildung bekommen auch nicht!

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Für uns ist manchmal erschreckend, wenn ich z.B. sehe, dass im Supermarkt neben den Bankautomaten die Polizisten mit der Waffe im Anschlag stehen und alle und alles genau beobachten, auf den Straßen und an neuralgischen Punkten überall Kameras installiert sind, Banken und die Post nur durch Schleusen zu betreten sind, vorher muss man Schlüssel, Handy etc. in einen Kasten werfen, und selbstverständlich steht auch dort reichlich Polizei rum, und das alles in unserem harmlosen Balneário Camboriú, da wird einem ganz anders. Wenn ich Strom- oder sonstige Rechnungen bezahle, witzigerweise bei der Lotterieannahme, weil die einer Bank gehört, ist eine Kamera auf mich gerichtet, selbst hier im Haus ist alles mit Kameras gesichert, Garage, Treppe, Fahrstühle, Außenanlage, Strasse. Unnötig zu erwähnen, dass man natürlich nur mit Anmeldung ins Haus kommt. Ich fühle mich also nicht unsicher, im Gegenteil, dieser Teil der Stadt ist sicher.  Man kann auch abends gefahrlos hier herumspazieren, big brother is watching us! Und wenn ich mit meinem Auto losfahre, geht automatisch nach ein paar Metern das Schließsystem zu! Ebenso in den Taxis!

Die Stadtväter haben sich hier zusätzlich noch den „toque de recolher“ einfallen lassen, die Ausgangssperre, seit 1. August 2009 haben hier in Balneário abends ab 23.00 h alle Minderjährigen von der Strasse verschwunden zu sein – wegen der angestiegenen Jugendkriminalität – es sei denn, sie sind in Begleitung der Eltern! Da wird hier nicht lange diskutiert, sondern bestimmt!

So wüst es in den Favelas zugeht, so freundlich gehen die Brasilianer persönlich miteinander um. Erste Frage muss sein, ob „tudo bem“ = alles gut ist, man ist höflich und rücksichtsvoll und selten verbal unhöflich. Bemerkenswert z.B., wenn ich die vier Töchter unseres Freundes höre, wie sie ihren Vater mit „o senhor“ anreden, ihn also siezen!

Manchmal finde ich es aber auch nervig, wenn zum Beispiel in meiner mittäglichen Info – Radioshow bei Radio Transamerica die Politiker angeschleimt werden. Da ist mir doch lieber, wenn man sie – wie in Deutschland – mal hart anpackt. Jeder meckert hier über die Politiker, aber nur im allgemeinen, persönlich greift sie keiner an, es sei denn, sie machen sich gegenseitig unter Gleichen nieder, im Parlament vor den Kameras bricht schon mal aus einem „Senador“ heraus, dass der Kollege „vossa excelencia“ ein Lump ist und zurücktreten sollte.

Auf der Strasse herrscht dann wieder das Faustrecht. Allerdings muss ich sagen, sie haben uns eins voraus, sie sind nicht rechthaberisch! Wenn der Deutsche sich im Recht fühlt, mangelt er alles um im Straßenverkehr oder rennt dem Gegner im Kampf um den Parkplatz ein Messer in den Bauch, hier gibt es eine Regel, es hat immer der Vordermann Recht, egal wie dämlich er sich verhält. Wenn er plötzlich ausschert, na, dann fahre ich ihm halt aus dem Weg, wenn er durch die Stadt schleicht und alles behindert, geduldig warte ich, bis er sich entschieden hat, die Einzigen, die die Autofahrer terrorisieren sind die Motorradfahrer, die rechts und links wie bekloppt vorbeirauschen ohne Rücksicht. Ständig muss man sie im Rückspiegel beobachten und mit allem rechnen! Eine Sache, die man in Deutschland getrost übernehmen könnte sind die „quadras amarelas“, die gelben Quadrate auf den Straßenkreuzungen, in denen man unter keinen Umständen stehen bleiben darf und die dadurch freigehalten werden für den Querverkehr. Da fielen mir in Limburg gleich zwei Kreuzungen auf der Schiede ein, wo man das unbedingt anwenden sollte. Von uns könnten sie übernehmen, dass man Fußgänger nicht jagen sollte, sondern sie ruhig auch mal über einen Zebrastreifen gehen lassen könnte.

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Was mir auch gefällt ist, dass man hier als „Senior/in“ Privilegien hat: man wird z.B. auf der Bank, bei der Post und im Supermarkt bevorzugt behandelt, endlich mal ein Vorteil, über 60 zu sein. Bei der Post muss man eine „senha“ ziehen, eine Nummer, die dann angezeigt wird und nach der man bedient wird. Als Senior/in darf man eine Extranummer ziehen und kommt dann zwischendurch dran, egal wie lange die Schlange ist. Das nutze ich schamlos aus! Das Bondindinho, das Bähnchen, das rund um die Uhr durch die Strand- und die Parallelstraße fährt, kann man ab 60 oder 65 umsonst nutzen. Ich bezahle aber trotzdem meine 2,50 Reais, weil ich nicht möchte, dass sie es einstellen, weil keiner voll zahlt. Am letzten Wochenende sind wir mit der Seilbahn über den Berg zum nächsten Strand gegondelt, („einzige Seilbahn der Welt, die zwei Strände miteinander verbindet“ ist die Werbung dafür) – da haben wir auch jeder statt 30 nur 15 Reais bezahlt, als „Alte“.

seniorenDiese Zeichen finden sich am Supermarkt, wo man als Senior an bevorzugter Stelle nahe dem Eingang parken darf. Das ist ja wohl die Höhe, witzig zwar, aber dort parke ich jedenfalls nicht, sehe ich etwa so aus?

Zu den Merkwürdigkeiten zähle ich auch die „colheita de lixo“, die Müllabfuhr, die hier um 22.30 h beginnt und bis morgens dauert. Das war schon in Portugal so, irgendwie erscheint es uns aber doch seltsam, dass man nachts „heimlich“ den Dreck wegschafft, will man uns nicht mit diesem „anrüchigen“ Job konfrontieren oder ist es verkehrstechnisch einfacher für die Jungs in Orange?


Schönheitswahn und Hypochondrie


Ivo Pitanguy war wohl der erste, oder zumindest der bekannteste, der mit der Eitelkeit der Mädels hier richtig Kohle gemacht hat und hemmungslos an ihren Luxusleibern herumgesäbelt hat. Immerhin halte ich ihm zugute, dass er dafür arme Leute oder Kinder mit Missbildungen umsonst operiert hat. Insofern ist die Luxusschnippelei, von der er sich immerhin eine eigene Insel vor Angra dos Reis kaufen konnte (wer will denn da schon wohnen, in der Nähe vom Atomkraftwerk?), gerechtfertigt gewesen. Generell habe ich den Eindruck, dass das hier eine Manie geworden ist, an sich herum zu werkeln und die diesbezüglichen „clinicas“ sprießen nur so aus dem Boden. Lasern ist große Mode, alle überflüssigen Haare und Male usw. werden weggelasert, Lippen aufgespritzt, Nasen beschnitten und geändert, Fett abgesaugt und ich sehe viele Frauen, die sich mit 50 noch eine Zahnspange verpassen lassen.  Alle treiben einen wahnsinnigen Körperkult, es gehört zum guten Ton, hier morgens am Strand seine „caminhada“ zu machen, tu ich ja auch, und viele gehen ins Fitness-Studio, das hier zu meiner großen Freude „Academia“ heisst, wo gibt es das noch, dass die „Akademie“ eine Muckibude ist?

Eine andere Facette dieses Wahns ist die allgemeine Hypochondrie, die Apotheken hier sind nicht zu zählen, man kriegt ja auch alles, fast alles ohne Rezept. Mein Voltaren? In jeder beliebigen Menge und Stärke! Und natürlich kann man unmöglich gesund sein, wenn man nicht täglich irgendwelche Vitamine oder Wundermittel einwirft…..und das bei dem riesigen Angebot von frischem Obst hier!! Dazu kommen noch die <Farmacias de Manipulação>, wo man sich beliebige Mittelchen mixen lassen kann. Auf dem Markt in Belém am Amazonas gibt es die beeindruckendste Giftmischerei, da kann man alle möglichen Teile von Tieren (Schlangen, Fröschen, Hühnern etc.), Kräuter und Mineralien zum Einnehmen zusammenpanschen lassen mit zusätzlich ein bisschen Hexerei und Vodoo!

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Die Schweinegrippe zum Beispiel hatte sich in der letzten Zeit zu einer totalen Hysterie ausgewachsen! Jeden Tag wurden die neu Erkrankten und die Toten nach Städten gelistet und Mundschutz war ausverkauft und man machte sich Sorgen über fehlende Grippemittel. Dabei waren bei einer ganz normalen Grippe in einem Vorjahr 1000x mehr Menschen gestorben! Hier hatte man überlegt, von Seiten der Stadt her alle Nachtbars und Clubs zu schließen, aber dann siegte doch der Kommerz, vor allem, wo der kommende Nationalfeiertag (7. September) vor der Tür steht und Tausende Touristen in die Stadt schwappen werden! Schon jetzt sind deutlich mehr Leute am Strand und in den Restaurants, und es wird über die Feiertage sicher schon einen Vorgeschmack auf die Saison, die „Temporada“ geben, wenn sich dann um Weihnachten / Neujahr / Karneval die Bevölkerung verVIERfachen wird. Deus me livre, das wird sicher furchtbar!!

Kleiner Nachtrag zu brasilianischen BESONDERHEITEN:

Heute, am leider geschichtsträchtigen 11.September, ist ein besonderer Tag anderer Art in Brasilien:

die aktuelle NOVELA DAS OITO geht zu Ende, die Soap-Opera „CAMINHO DAS INDIAS“,

siehe http://caminhodasindias.globo.com , die allabendlich die Leute an die Glotze zwingt. Es ist, für mich, eine grauenhafte gemeinschaftliche Verwurstung von indischen und brasilianischen Elementen, die jedem Indienkenner den Schweiß auf die Stirn treibt, ich wollte, Jyotshna und meine indische Familie könnten es sehen, aber hier war es ein Straßenfeger. Und hat sogar die Mode beeinflusst, indische Muster und Kleider sind topaktuell und sogar Schmuck aus Indien wurde zum Hit. Bollywood ist nichts dagegen!

Ich kann es heute nicht verstehen, dass uns damals in Brasilia die Novelas so beeindruckt haben, liebe mitschauende Ute, was meinst DU? Ich denke, es war für uns eine Möglichkeit, Brasilien besser kennen zu lernen und mal zu schauen, wie sie ticken!? Und vielleicht waren sie ja auch ein wenig anspruchsvoller als heute, ich erinnere mich an „BAILA COMIGO“! Jeden Abend um acht!!! Hunderte von Folgen! Am Montag fängt die neue Novela an:  „VIVER A VIDA“…..vielleicht versuche ich es ja mal wieder?

„Aber“, wie Moustache aus „Irma la Douce“ zu sagen pflegte…….“das ist eine andere Geschichte“! gond1

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