Klein-Deutschland in Brasilien

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blumenau-sc-                                                      Blumenau, Vila Germanica

Nun haben wir ja schon einige Jahre Brasilienerfahrung,  aber natürlich waren wir nie so interessiert am Süden des Landes, nach zwei Besuchen 1974 und 1995 war uns klar, dass es dort nichts Exotisches für uns zu sehen gibt, denn….es ist alles wie in Europa, oder fast wie in Deutschland, um es mal ein bisschen zu übertreiben!

JETZT aber werden wir unentwegt damit konfrontiert: zuerst einmal werden wir ständig mit der Nase auf deutsche Namen gestoßen, ein Supermarkt heißt Meschke, ein Bauunternehmer Breithaupt, Freunde bei LIONS heißen Hoffmann, Neuwirth und Diener, ein Mieter hier im Haus heißt Lindner, ein Haushaltswarengeschäft Koerich, was allerdings keiner richtig aussprechen kann, ein Wäschegeschäft Altenburg, neue Bekannte Behmke und Wolter, ein Apartmenthaus in der Nachbarschaft Edifício Moellmann und in der Zeitung finde ich meinen  Lieblingsnamen: „Conrado Sorgenicht“!. Was dem Ganzen die Krone aufsetzt ist, dass die Leute dann zu diesen urdeutschen Namen brasilianische Vornamen haben, das klingt dann für uns SEHR exotisch! Wie wär’s mit Diago Schuster, Leonidio Zimmermann, Valdomiro Kerber, Henrique Texeira Lott und…man fasst es nicht, Cleiton Schlindwein.

Restaurant „Wunderwald“, Pomerode


„Schlimmer“ wird es noch im Interior, zum Beispiel in Blumenau, 50 km von hier, heute eine der reichsten Städte in Brasilien! Dr. Hermann Bruno Otto Blumenau, 1819 im Harz geborener Apotheker, hat die Stadt 1850 gegründet und angeblich mit dem Zirkel einen Kreis von 50 km um Blumenau gezogen, in dem nur Deutsche siedeln durften, so sagen die Leute hier jedenfalls. Ab 1824 wanderten Deutsche in Brasilien ein, vornehmlich aus dem Hunsrück und aus Pommern, und hauptsächlich aus politischen und wirtschaftlichen Gründen. Und natürlich suchten sie die verlorene Heimat, insofern siedelten sie im Süden, dessen Klima dem europäischen am nächsten war und  ist. Die Deutschen behielten ihre Bräuche und ihre Kultur bei, hatten ihre eigenen Schulen und Kirchen und machten keine Anstrengung, sich irgendwie zu integrieren, es war Klein – Deutschland in einem großen Brasilien!

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In Biguaçu, Richtung Florianopolis, gibt es die „Hunsricker“, nein, nicht Hunsrücker, sie nennen sich wirklich so und sprechen dieses merkwürdige altmodische Deutsch, benutzen Worte, die bei uns im modernen Deutschland gar nicht mehr benutzt werden, die „Braut“ ist z.B. die Freundin. Hört mal rein hier, wenn Leonidio Zimmermann (!) sagt, er ist „Rossbauer“, dann hat das übrigens nichts mit Pferden zu tun, sondern er arbeitet auf dem Land, der „roça“:

http://www.youtube.com/watch?v=SDHUVU4lu6w

Angeblich hat jeder 10. Brasilianer deutsche Wurzeln, aber nirgends zeigt es sich so wie hier! Heute gibt es noch Dörfer hier in der Umgebung, wo die alten Leute kein Portugiesisch können, ein Deutsch –  Brasilianer (um die 50) erzählt uns, dass er bis zu seinem Eintritt in die Schule nur Deutsch sprechen konnte, so wie die meisten deutschstämmigen alten Leute! In Blumenau gibt es das größte Oktoberfest des Landes, zusammen mit dem Karneval in Rio das größte Fest des Landes überhaupt, drei Wochen Bier, Bratwurst, Sauerkraut und Blasmusik. Die Hauptstraße ist gesäumt von Geschäften mit deutschen Namen, das Rathaus ist ein Fachwerkhaus, es gibt „Heimat“-Bier, „Kaiser“-Bier, „Opa“-Bier,   „Eisenbahn“-Bier und ein Biermuseum,

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und in Pomerode eine Brauerei mit dem Namen „Schornstein“, einen Kirmesbaum und ein Restaurant namens „Torten Paradies“, wo es Plätzchen und Schwarzwälder Kirschtorte gibt, viele Straßen haben in beiden Städten deutsche Namen. Einen Einbruch und eine Katastrophe für diese reindeutsche Kultur bedeutete der Zweite Weltkrieg und der Nationalsozialismus, damals wurde den Deutschen verboten, weiter deutsch zu sprechen, und es wurde sozusagen von oben Portugiesisch verordnet, weshalb zwar heute die Hauptstrasse in Blumenau „Rua XV. de Novembro“ heißt,  aber darunter steht auf den Schildern: antiga (ehemals) „Wurststrasse“!

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Am vergangenen Freitag waren wir zu einem Benefizessen in einer evangelischen Kirchengemeinde eingeladen, das heißt man zahlte 15 Reais (ca. 5 Euro) pro Person und unterstützte damit soziale Projekte hier in Camboriu sowie die Unterhaltung und Pflege der Kirche. Ich dachte wir sind auf einem deutschen Volksfest, sie sahen alle schon so unglaublich DEUTSCH aus, wie aus dem Bilderbuch, viele blond und blauäugig und rotwangig!!!!! Man sah ihnen die Abstammung von weitem an!

Jeden ersten Samstag im Monat wird deutsches Graubrot gebacken und dort verkauft, sowie deutscher „cuca“ = KUCHEN!!!! Und im August gibt es einen Ball, spielen werden die „Freunde der Musik“ aus Blumenau, natürlich nur deutsche Lieder. Das Brotangebot machte mich aber hellhörig, alles was man hier sonst kaufen kann ist reines weißes Gummibrot! Furchtbar!

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Auch in Camboriú werden wir mit Deutschtum konfrontiert: am vergangenen Wochenende wurde hier, sozusagen unter unserer Nase an der Avenida Atlantica, also vor dem Haus, eine „Festa dos Amigos“ gefeiert, wo Angehörige von Firmen und Einrichtungen Zelte und opulente Churrascos mit riesigen Fleischmengen aufbauten.

Und da trauten wir unseren Augen nicht:

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Der Träger dieses T-Shirts wusste sogar, was das bedeutet!

Das alles sind schon Dinge, die für uns sehr exotisch sind, weder in Ouro Preto noch in Brasilia gab es Deutschstämmige, (mit Ausnahme der Ortskräfte an der Deutschen Botschaft, die aus dem Süden dorthin geholt wurden wegen der Sprachkenntnisse), vom Norden Brasiliens ganz zu schweigen. Für uns ist es eine neue Facette in diesem riesigen interessanten schönen Land, und eine, die uns natürlich besonders berührt.

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